Thesenpapier: Jedes Jahr dieselbe Scheiße!

Im folgenden möchten wir unser Thesenpapier zur diesjährigen antinationalen Mobilisierung zum WKR-Ball 2011 vorstellen. Aus dem Vorwort:

Dem Ganzen voraus …
Nur noch wenige Tage trennen uns von den diesjährigen antifaschistischen Protesten gegen den WKR-Ball 2011. Der passende Zeitpunkt, um unser Thesenpapier zur Diskussion zu stellen. Denn hitzige Diskussionen sind bereits über den Schwerpunkt der Mobilisierung entbrannt. Das Antinationale Bündnis [Wien], an dem wir uns selbst beteiligen, ruft weniger zur Demonstration gegen den WKR-Ball und den Burschis auf, sondern zu einer Demonstration gegen Österreich als solches. Nicht die Exzesse der bürgerlichen Gesellschaft sollen in den Fokus der Kritik gerückt werden, sondern eben jener Betrieb, der durch das Hervorbringen von Staat, Nation und Kapital getrost als Scheiße bezeichnet werden kann.

Bisher lassen sich vor allem zwei Formen der Kritik feststellen: Zum einen beklagen jene linken Kräfte, die mit der Sozialdemokratie oder dem Traditionsmarxismus noch nicht so recht brechen konnte, dass die Festlegung auf „antinational“ die Kritik einer verschwindend kleinen Menge ist. Die andere Kritik versteht die Aufregung um eine antinationale Kritik nicht, denn dies seien die Proteste scheinbar schon immer gewesen.
Beide Seiten kritisieren zwar die diesjährige Schwerpunktsetzung aus unterschiedlichen Perspektiven, beiden gemein ist jedoch, dass sie selbst meinen nichts mit der Nation – also in diesem Fall Österreich – am Hut zu haben. Die traditionellen, internationalistischen Kräfte gehen davon aus, dass die Nation nur ein kleines Hindernis im Einsatz für die wieder einmal anstehende Revolution ist. Die anderen meinen, dass eine antinationale Kritik nun nichts Neues sei.
Im Zwiespalt dieser Positionen leidet die Kritik an der Nation in beträchtlichem Ausmaß. Wie unsere Genoss*innen von TOP-Berlin schon richtigerweise feststellten, ist die Kritik an der Nation nichts Beliebiges:
„Kritik der Nation ist kein beliebiger Spartendiskurs zwischen Freiraumbewegung und Castor-Alarm, und schon gar keine akademische Schrulle, sondern eine politische Querschnittsaufgabe der radikalen Linken.“

Denn der Kritik beider, oben angeführten Positionen liegt die fehlerhafte Einschätzung zu Grunde, dass die Kritik an der Nation, Kritik am Nationalismus sei. Es verwundert kaum, dass im selben Atemzug der Nation der Nationalismus folgt. Dass sich unsere Kritik jedoch nicht an ausgewiesenen Nationalist*innen (antinationalistische Kritik) festmacht, sondern an der Nation als objektive Gedankenform, d.h. als Basis der Identifikation mit den herrschenden Institutionen, geht in solchen Diskursen regelmäßig unter. Es überrascht nicht, dass eine ausformulierte Kritik der Nation ein Schattendasein fristet. „Dass alle Nazis sind und sowieso alles scheiße ist“, sei sowieso allen klar. Damit haben wir keine neue Entdeckung gemacht. Unter dieser hohlen Phrasendrescherei leidet jedoch eine materialistische Analyse, die den Handzettel der Kritik nicht immer nur unter den Verweis des Nationalsozialismus ausstellt (und er somit regelmäßig auch relativiert wird).
Denn haben wir mit den hier skizzierten Thesen auch nur einen Funken an Wahrheit getroffen, gehen wir davon aus, dass weder das Gesellschaftsbild der Burschenschafter hegemonial ist, noch alles „Böse“ im Alpenstadel mit dem Verweis auf Postnazismus erklärt werden kann. Ganz im Gegenteil: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich ein eigenständiges, österreichisches Bewusstsein herausgebildet. Ebenso fand und findet eine Modernisierung diverser Herrschaftsmechanismen statt.

Kritik der Nation ist weder eine metaphysische Angelegenheit, noch erschöpft sie sich darin, kulturelle Wesenszuschreibungen zu kategorisieren. Kritik an der Nation Österreich muss immer die Reflexion des Nationalsozialismus beinhalten. Nach wie vor ist die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln unsere Losung. Österreich und seine Fans haben es durch eine zur Staatsdoktrin erklärte „Opferthese“ geschafft eine Identität zu entwickeln, deren Implikationen wesentlicher Errungenschaften des Nationalsozialismus von elementaren Bestandteil ist. Deswegen alle als Nazis zu bezeichnen, wäre in Österreich zwar verständlich, würde jedoch zu kurz greifen. Denn eine kritische Theorie der Nation muss erklären, welcher Zusammenhang zwischen nationalistischen Exzessen und bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung besteht.

Hier anknüpfend ist unsere Arbeit zu sehen. Uns wird und wurde mehrmals eine ökonomistische bzw. eine funktionalistische Interpretation von Herrschaft unterstellt. Dem können wir alleine deswegen schon nicht zustimmen, da wir keinen Funktionalismus betreiben, sondern Kritik an der Form bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung – also Formkritik. Wir weisen nationale Ideologien als „objektive Gedankenform“ aus und sehen Nation nicht als Ausdruck der „herrschenden Klasse“, sondern als Ideologie: Auf der einen Seite fußt das bürgerliche Selbstverständnis auf der Idee der Gleichheit, dem gegenüber steht die ständige Konkurrenz. Gleich sind die Bürger*innen jedoch nur formal, d.h. entweder gegenüber dem Souverän oder dem Tod. In der Realität jedoch führt der alltägliche Konkurrenzwahn zwangsläufig zu Hierarchien und praktischer Ungleichheit. Die Nation als Ideologie konstituiert sich als Prinzip, in dem diese Gleichheit jedoch wieder hergestellt wird. „Wir sind doch alle Österreicherinnen und Österreicher“, so das Motto der beklagenswerten Veranstaltung. Mit der nationalen Identität werden die alltägliche Frustration und die Widersprüche des Bestehenden aufgehoben. Die Nation vermittelt das Gefühl, jenseits der alltäglichen Konkurrenz liegt eine Anlaufstelle für alle der Nation angehörigen Personen. Sie bietet somit vermeintlichen Schutz und Sicherheit. In dieser Systemlogik verliert sich die Gefühlswelt der Bürger*innen. Diese Anlaufstelle ist jedoch nicht nur ein exklusiver Betrieb für einige wenige (und führt somit regelmäßig zu Abschiebungen), sondern bietet dem ansonsten vereinzelten Individuum ein Zwangskollektiv an – d.h. eine Gemeinschaft, zu der es gehört.

Die Schwierigkeit, und damit der Grund der ewigen Verwechslung der Kritik an der Nation und einer Kritik am Nationalismus besteht darin, dass die Nation sich lediglich in der Vorstellung der Individuen entfaltet. Empirisch existiert sie nicht. Als objektive Gedankenform, und somit nicht einfach als ausgewiesener Nationalismus, ist sie jedoch nur dann zu begreifen, wenn sie als Grundkategorie bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaft begriffen wird. Daher kann sie auch nicht als „falscher“ Gedankengang bezeichnet werden, dem einfach mit den „richtigen“ Argumenten beizukommen ist.

Aus diesem Grund bekommt der Kapitalismus auch heute noch einiges von uns ab. Wir liefern keine abschließenden Welterklärungen, noch glauben wir diese gefunden zu haben. Über jede Kritik, sei sie noch so harsch, freuen wir uns natürlich. Unsere Arbeit zu den diesjährigen Protesten soll über den konkreten Anlass hinausgehen. Wie dies genau aussieht wird sich in den nächsten Wochen zeigen. In unserem Thesenpapier finden sich keine ausformulierten Abhandlungen, sondern der Versuch einer antinationalen Positionsbestimmung.

Viel Spaß beim Lesen,
autonome antifa [w]

Unser Thesenpapier gibt es hier als PDF-Datei zum Download.

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