Interview mit der „zufaellig generierten zeichenkette“

Die linksradikale Zeitung „zufaellig generierte zeichenkette“ führte mit uns ein Interview. Hier in voller Länge nachzulesen.

Um die autonome Antifa Wien ranken sich viele Gerüchte. Es seien Antideutsche, SpalterInnen, israelische NationalistInnen. Sie verbreiten „Angst und Schrecken“ in der Szene wie bei manchen die „DefMa-Hools“. Was die „AFA“ alles als Antisemitismus verstehen, und warum sie so manche Kritik am Kapitalismus als verkürzt „vernadern“, scheinen die meisten Linken nicht zu verstehen. Eigentlich Grund genug, mal etwas genauer nachzufragen.

*>>Zeichenketten: Hallo, danke dass ihre euch Zeit nehmt, stellt eure Gruppe erst mal kurz vor.

Wir verstehen uns als eine kommunistische, antinationale Gruppe, die sich mit dem kapitalistischen Normalzustand nicht zufrieden gibt. Daher richtet sich unsere Kritik, nicht nur – wie klassische Antifa-Gruppen dies üblicherweise tun – gegen Nazis, sondern gegen Staat, Nation und Kapital. Die Nazis begreifen wir als Produkte der bürgerlichen Vergesellschaftung. Wir wollen nicht an einem „besseren“ Staat oder „humaneren“ Kapitalismus mitbasteln, sondern diese abschaffen; und eine Gesellschaft von wirklich freien und selbstbestimmten Individuen verwirklichen, deren Ziel es ist, für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu produzieren.

*>>Zeichenketten: Würdet ihr euch bzw. die „AFA-Wien“ als Antideutsch bezeichnen. Was versteht ihr unter dem Begriff?

*Zuerst einmal ist die Frage etwas komisch gestellt. Identitäre Positionen helfen der radikalen Linken nicht weiter. Es geht vielmehr um eine linksradikale Kritik die im Stande ist, heutige Verhältnisse zu erklären und somit auch praktische Fragen beantworten kann. Kurz, unsere Perspektive ist die Negation des Bestehenden. Bei manchen antideutschen Ansätzen geht es aber vielmehr um die Identifikation mit Staaten, Institutionen und gesellschaftliche Zustände im „falschen Ganzen“ zu beschwören und damit der Beerdigung radikaler und tätiger Gesellschaftskritik Vorschub zu leisten.Als Beispiel hierfür lässt sich die Identifikation mit der westlich-bürgerlichen Gesellschaft als Bollwerk gegen die Barbarei anführen, anstatt diese als deren Voraussetzung zu begreifen. Oder die Überhöhung der amerikanischen Gesellschaft als Vorbote des Kommunismus. Doch die antideutsche Strömung ist keineswegs so homogen wie sie oft dargestellt wird.

Oftmals wird sie auf den Punkt der Israelsolidarität reduziert. Dabei sind weit mehr wichtige Punkte von der antideutschen Strömung in der radikalen Linken zur Diskussion gestellt worden. Zentral war dabei immer die Analyse der historischen Spezifika des deutschen Kapitalismus, die Kritik des völkischen, die Kritik am Antisemitismus in der Linken sowie das Verhältnis zu Israel.

Mensch sollte sich auch immer vergegenwärtigen hinter welchem historischen Hintergrund welche Theorieansätze und Texte geschrieben wurden/werden. Dieser war bei der antideutschen Strömung Anfang der 90er Jahre die Zunahme eines deutschen Nationalismus, gepaart mit völkisch-rassistischen Exzessen wie Brandanschläge auf Asylbewerberheime. Vieles davon trifft auf die heutigen Verhältnisse nicht mehr zu, aber trotzdem wurden hier wichtige Ansätze von der antideutschen Strömung in die radikale Linke und in die Antifa-Bewegung getragen.

*>>Zeichenketten: Viele Leute scheinen euch nicht folgen zu können, wenn es um Antisemitismus, Israelsolidarität und euer Verständnis von Kapitalismus geht, wie erklärt ihr euch das?

Wir glauben dabei geht es weniger um das nicht folgen können, als um identitäre Abwehrreflexe. Einerseits werden unsere Positionen als antideutsch verschrien, anderseits wird uns häufig der Vorwurf des Ökonomismus gemacht. Doch weder ist ein kritisches Verhältnis zu Antisemitismus in der Linken oder zu Antizionismus generell per se antideutsch, noch meinen wir mit Kapitalismus ein Wirtschaftssystem aus dem alles abgeleitet werden kann, sondern ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis das durchzogen ist von verschiedenen Herrschaftsverhältnissen. Es wäre vieles leichter, wenn die Leute aus der radikalen Linken in Wien mal ihre eigenen identitären Standpunkte reflektieren könnten, anstatt bei dem Wort Kommunismus uns gleich affekthaft mit dem Staatssozialismus und anderen autoritären Ideologien in eine Ecke zu stellen.

*>>Zeichenketten: Die Leut kehren halt nicht gern vor ihrer eigenen Tür. Kommen wir mal zum Kapitalismusverständnis: Könnt ihr in ein paar kurzen Sätzen erklären, was ihr unter Kapitalismus versteht?

Der Kapitalismus als gesamtgesellschaftliches System ist ziemlich komplex und es ist kaum möglich diesen auf solch engem Raum nicht verkürzt darzustellen. Von Kapitalismus reden wir, wenn der Warentausch zum dominierenden Prinzip der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion geworden ist. Es wird nicht für konkrete Bedürfnisse produziert, sondern für einen anonymen Markt zum Tausch. Dabei ist es egal was produziert wird, ob Tretminen oder Babybrei. Die Hauptsache ist es lässt sich verwerten, also wirft Profit ab. Das ist auch das Ziel kapitalistischer Produktion, die unendliche Verwertung des Wertes, die Profitmaximierung und nicht konkret die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Bedürfnisbefriedigung ist, wenn überhaupt nur Nebenprodukt und kann sich nur als zahlungskräftige Nachfrage artikulieren. In der warenproduzierenden Gesellschaft, deren Grundmerkmal eine spezifische Form abstrakter Herrschaft ist, treten die Menschen nicht direkt miteinander in Beziehung, sondern über den Umweg von Ware, Arbeit und Geld. So nehmen ihre Beziehungen eine sachliche Form an, die ihnen in der Gestalt von „Sachzwängen“ als scheinbar äußerliche Macht gegenübertreten. Dergestalt werden sie von ihren eigenen, verselbstständigten gesellschaftlichen Beziehungen beherrscht, statt bewusst über sie zu verfügen. Um diese verrückte Form der Herrschaft über sich selbst – man könnte auch sagen: einer bewusstlosen Selbstbeherrschung – zu beschreiben, hat Marx den Begriff des Fetischismus gewählt.

*>>Zeichenketten: In wie fern ist das entstehende Herrschaftsverhältnis apersonal?

Wie schon oben erwähnt nehmen in der warenproduzierenden Moderne die gesellschaftlichen Beziehungen die Form einer sachlichen Herrschaft der Dinge über den Menschen an. Diesen Sachzwängen haben sich alle Akteur_innen innerhalb dieses Systems zu unterwerfen und reproduzieren diese zugleich – Tag für Tag. Sie folgen einer ihnen vorgegeben „rationalen“ Logik und können gar nicht anders als sich diesen zu unterwerfen, ist ihre materielle Existenz doch abhängig von ihrem ökonomischen Erfolg: bei Nichterfolgung droht der ökonomische Untergang. Der/die Kapitalist_in muss, angetrieben durch die Konkurrenz, Profit machen und das möglichst viel, sonst geht er/sie Bankrott. Die Arbeiter_innen müssen sich in der Konkurrenz am Arbeitsmarkt behaupten, sonst haben sie nichts zu essen. Doch auch die Form politischer Herrschaft ändert sich im Kapitalismus. Ist ein warenproduzierendes System etabliert, ist der Staat eine notwendige Bedingung. Der Staat sichert in seiner Formbestimmung als Rechtsstaat das Eigentum sowie die formale Freiheit und Gleichheit seiner Bürger_innen. Das heißt, Ausbeutung vollzieht sich nicht mehr durch direkte persönliche Herrschaft (wie eim 19. Jhdt. und davor üblich – Anm.), sondern durch Recht und Gesetz, also vermittelt und apersonal. Der „doppelt freie Lohnarbeiter“ (Marx), frei von direkter persönlicher Bevormundung, aber auch frei von Produktionsmitteln muss seine eigene Arbeitskraft am Markt verkaufen um zu überleben. Er/sie wird nicht direkt gezwungen, der stumme Zwang der Verhältnisse treibt ihn dazu an. Die formelle Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz, was real ja auch wirklich gegeben ist, sichert aber die materielle Unfreiheit und und Ungleichhe Verteilung. Denn egal ob Kapitalist_in oder Lohnabhängige_r, beide sind vom Gesetz her gleich: ihr Eigentum wird geschützt und sie dürfen nicht stehlen. Der Staat ist somit kein Instrument einer „herrschenden Klasse“, sondern sichert als „neutrale“, außerökonomische Instanz und als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Engels) das Fortbestehen der gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung, wie eine gelingende Kapitalakkumulation, welches seine eigene Existenzgrundlage bedeutet.

*>>Zeichenketten: Das Ziel im Kapitalismus ist es doch, Kapital anzusammeln — zu akkumulieren. Sind es nicht am Ende doch Personen, die einen Nutzen (vier große Villen, 7 Autos,…) aus dieser Akkumulation ziehen, und versetzt sie dieses Ungleichgewicht nicht in eine Lage, aus der sie mehr Macht ausüben können, als ihre Belegschaft?

Das Ziel der kapitalistischen Produktion ist die Verwertung des Wertes, die Profitmaximierung. Die Kapitalakkumulation ist bloß Resultat dieses Prozesses, aber nicht ihr Endpunkt. Das akkumulierte Kapital wandert zum größten Teil ja nicht in die private Brieftasche des Kapitalisten, damit er sich einen möglichst luxuriösen Konsum leisten kann, sondern wird als Kapital reinvestiert: also wieder in die Produktion geworfen damit am Ende erneut mehr Wert aus dieser herauskommt, welches dann wieder investiert wird. Diese endlose Bewegung des Wertes nennt Marx „Kapital“.

Dass die einzelnen Kapitalist_innen eine höher privilegierte Position in der Gesellschaft einnehmen als die Lohnabhängigen ist unbestreitbar. Mit der Frage nach der Machtausübung würden wir aber ein bisschen vorsichtiger sein. Die kapitalistische Vergesellschaftungsweise unterscheidet sich – wie schon oben erwähnt – von der vorkapitalistischen Vergesellschaftungsweise dadurch, dass uns die Gewalt als eine subjektlose, öffentliche Gewalt gegenübertritt. Im Gegensatz zur feudalen Gesellschaft gibt es eine klare Trennung von politischer und ökonomischer Herrschaft. Reichtum bedeutet nicht mehr direkt auf politische Prozesse einwirken zu können, da die ökonomische von der politischen Sphäre getrennt ist. Wenn dies doch einmal der Fall ist, und solche Beispiele gibt es durchaus, ist es ein Skandal, aber keineswegs Normalität. Denn wie gesagt, Ausbeutung und Herrschaft vollzieht sich unter entwickelten kapitalistischen Bedingungen nach Recht und Gesetz – und nicht abseits davon. Wer nur die Skandale in den Blick nimmt, bewegt sich auf dem Kritikniveau eines Staatsanwalts.

*>>Zeichenketten: Können sich aus dem von euch als falsch bezeichneten Kapitalismusverständnis strukturell antisemitische Positionen entwickeln?

Als falsch bezeichnen wir ein Kapitalismusverständnis, dass nur Oberflächenphänomene in den Blick nimmt (wie der Staatsanwalt, der Skandale aufs Korn nimmt – Anm.) und nicht die gesellschaftlichen Basiskategorien wie Arbeit, Ware und Wert analytisch durchdringt und zum Angriffspunkt der Kritik macht.

Aus diesem Verständnis von Kapitalismus, was auch als bürgerliche Ideologie bezeichnet werden kann, ist es häufig anzutreffen, dass sich antisemitische Denkmuster entwickeln. Antisemitismus ist also in der Gesellschaftsstruktur selbst angelegt. Antisemitismus ist, so verstanden, eine Ideologie wie die Welt von den bürgerlichen Subjekten wahrgenommen und erklärt wird, weniger eine bewusste Einstellung. Deshalb stößt mensch auch meist auf Abwehrreflexe, wenn in Diskussionen der Hinweis geäußert wird, mensch bediene antisemitische Stereotype oder habe ein strukturell antisemitisches Verständnis von der Welt. Denn nur die wenigsten bezeichnen sich als Antisemit_innen, und für Linke, die sich als antirassistisch und antifaschistisch begreifen, wird dieser Hinweis als Vorwurf und Angriff auf die eigene Person wahrgenommen.

*>>Zeichenketten: Was versteht ihr unter strukturellem Antisemitismus?

Der moderne, rassistische Antisemitismus ist untrennbar mit bestimmten politisch-ökonomischen Vorstellungen, einer „politischen Ökonomie des Antisemitismus“ (Robert Kurz), verbunden. Diese Vorstellungen lassen sich in drei Gedankenschritte zerlegen:

1. An erster Stelle wird das kapitalistische System in eine scheinbar konkrete und eine abstrakte Seite aufgespalten. Diese Aufspaltung knüpft an die Struktur kapitalistischer Basiskategorien an, die eine widersprüchliche Einheit von Konkretem (z.B. konkreter Nutzen einer Ware) und Abstraktem (z.B. abstrakter Tauschwert/Wert einer Ware) darstellen. Auf der konkreten Ebene finden sich in diesem Denken Arbeit, Staat und Fabriken, auf der Abstrakten das Geld und das Finanzkapital.

2. Im zweiten Schritt werden den beiden Seiten Eigenschaften zugeschrieben. Die konkrete Seite sei die „natürliche“ und „gute“, während die abstrakte mit Attributen wie parasitär und zersetzend in Verbindung gebracht wird, die all das schlechte, die ganzen Zumutungen und Ängste die innerhalb des Kapitalismus entstehen, verkörpert. Die abstrakte Seite bildet also in der fetischisierten, das heißt in der im Kapitalismus und seinen Denkformen befangenen, Wahrnehmung die Projektionsfläche für alles Negative im Kapitalismus.

3. Im dritten Schritt wird die abstrakte Seite personalisiert und im Antisemitismus auf das Handeln der „Juden“ zurückgeführt. Diese Personalisierung von gesellschaftlichen Prozessen ist ein zentraler Bestandteil antisemitischer Ideologie, aber leider auch häufig unter Linken anzutreffen wenn gegen „Bonzen“ oder ähnliches gewettert wird. Keinesfalls sind alle Vertreter_innen der politischen Ökonomie des Antisemitismus nun antisemitisch. Umgekehrt gilt aber, dass alle Antisemit_innen eben diese politisch-ökonomischen Auffassungen vertreten. Im Antisemitismus wird die abstrakte Form der Herrschaft ideologisch verarbeitet, in dem mensch hinter den Zwängen, Prozessen und Dynamiken der globalisierten Warenproduktion eine „unheimliche finstere Macht“ phantasiert, welche durch „die Juden“, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen, verkörpert werden. Diese Ideologie ist aber nicht auf bekennende Antisemit_innen beschränkt. Sie sitzt viel tiefer. Es handelt sich hierbei um eine in der Basisstruktur der bürgerlichen Gesellschaft angelegte ideologische, die zwar nicht zwangsläufig in den Antisemitismus mündet, jedoch eine seiner wichtigsten Grundlagen bildet. Personalisierungen, auch wenn nicht explizit die „Juden“ gemeint sind, lassen die Tür für antisemitische Assoziationen sperrangelweit offen und sind deshalb für eine sich als emanzipatorisch begreifende Linke abzulehnen und zu bekämpfen.

>>Zeichenketten: zB wenn Manager als die Brunnenvergifter der Neuzeit / des Kapitalismus gehandelt werden,?

Mensch kann verzeichnen, dass seit der „Wirtschaftskrise“ die Gegenüberstellung von „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital wieder hoffähig geworden ist. Die „Gier der Manager“ sei schuld an der Misere, weil sie sich rücksichtslos auf Kosten der hart arbeitenden Bevölkerung bereichert hätten. Hier wurde auch der Konnex von Antisemitismus und nationaler Ideologie deutlich. Die Nation als homogenes Konstrukt korrespondiert mit den Sehnsüchten nach Einfachheit und einer Auflösung der Komplexität. Folgerichtig muss alles Schlechte als von außen kommend auf ein „Anderes“ projeziert werden. Exorbitante Managergehälter und Spekulationen werden dann angegriffen, wenn sie gegen den eigenen Standort ausfallen. Eine sich ernst nehmende Linke muss begreifen, dass die Gefährlichkeit des Kapitalismus gerade nicht darin besteht, das irgendwelche obskuren Mächte „hinter den Kulissen“ die Fäden ziehen (die sich angreifen ließen – Anm.), sondern darin, dass es sich um ein selbstläufiges System handelt, welches sich gegenüber den Menschen verselbstständigt und eine unglaublich destruktive Dynamik entwickelt hat. Gesellschaftliche Emanzipation kann nur darin bestehen, dass die Menschen endlich die Kontrolle über ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen übernehmen, statt von ihnen in Gestalt von Dingen beherrscht zu werden.

*>>Zeichenketten: Das waren jetzt eh neun Fragen. Ich dank euch für eure Antworten. Liegt euch noch was am Herzen?

Ja, wir danken auch. Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch kurz Werbung in eigener Sache machen, und auf unsere offenen Treffen hinweisen, die jeden dritten Mittwoch im Monat stattfinden. Jedes Treffen hat einen eigenen inhaltlichen Schwerpunkt, über den wir gemeinsam diskutieren möchten. Weitere Infos dazu, zu unserer Arbeit sowie Veranstaltungen sind auf unserem Blog zu finden. http://antifaw.blogsport.de zu finden.

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