Unser Beitrag in der Mobilisierungszeitschrift gegen den Burschentag in Eisenach

Vienna calling
Warum es die Deutsche Burschenschaft auch in Österreich gibt und der größte deutsche Burschenschafterball ausgerechnet in Wien stattfindet.

Deutschtümelnde Großmachtsträumereien finden sich auch unter österreichischen Burschenschaftern. Eines der größten Events der burschenschaftlichen und rechten Szene findet jedes Jahr in Wien statt: Der Ball des Wiener Korporations-Rings (WKR).
von: autonome antifa [w], Wien


In keiner anderen Stadt im deutschsprachigen Raum gibt es so viele Korporationen wie in Wien. Mehr noch: Die akademischen Männerbünde aus der Donaumetropole stellen die stärkste Fraktion innerhalb der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft. Dies zeigt sich vor allem Jahr für Jahr zum WKR-Ball, einem der festlichen Highlights der Burschenschafterszene und der europäischen Rechtsparteien.
Die Zeiten, in denen Deutschnationalismus in Österreich „anschluss-“ und mehrheitsfähig war, sind vorbei. Die Generation „heim ins Reich“ stirbt langsam aus. Und wenn es um Identifikation und Bekenntnis geht, schlagen heutzutage die meisten Herzen in der Alpenrepublik rot-weiß-rot.
Doch lebt der völkische Deutschnationalismus in einem kleinen, aber umso einflussreicherem Milieu ungebrochen fort: den Burschenschaften. Wenn wir im Folgenden verallgemeinert von „den Burschenschaften“ schreiben, meinen wir damit die pennalen und akademischen Korporationsformen, welche sich im nicht-katholischen Spektrum bewegen. Zwar wären die katholischen Verbindungen ebenso für Sexismus, Elitedenken und ihre Verstrickung in den Austrofaschismus zu kritisieren, doch soll es hier primär um das völkisch-deutschnationale Verbindungswesen gehen.

Know your enemy
Das Burschenschafterwesen organisiert sich in Österreich in knapp 60 Korporationen mit insgesamt etwa 4.000 Mitgliedern inklusive Alte Herren. Während manch andere Verbindungen mittlerweile das Männerbundprinzip aufgegeben haben, halten die deutschnationalen Korporationen weiterhin am Ausschluss von allem „Nichtmännlichen“ fest: Damit sind in ihrer Logik Frauen*, Juden und Kriegsdienstverweigerer gemeint. Zwar besteht für Frauen* die Möglichkeit einer Damenverbindung beizutreten, jedoch nur bei rollenkonformem Verhalten und gleichzeitiger Unterordnung unter die „echten“ Verbindungsstudenten.
Politisch fungieren die Burschenschaften zum einen als Kaderschmiede für die österreichischen Rechtsparteien FPÖ und BZÖ: So waren zum Beispiel in der letzten Parlamentsperiode von 19 männlichen FPÖ-Abgeordneten 15 Mitglieder einer deutschnationalen Verbindung. Dies veranlasste das Wochenmagazin „Report“ vom ORF festzustellen, dass noch nie „eine so kleine Gruppe einen so großen Einfluss in einer Parlamentspartei“ hatte. Und auch die Burschenschaftlichen Blätter rühmen ihre Verbindungen „das akademische Rückgrat der FPÖ“ zu sein.
Blickt mensch andererseits auf den organisierten Neonazismus nach 1945, lässt sich feststellen, dass sich kaum ein österreichischer Neonazi-Kader findet, der in seiner (Hoch-)Schulzeit nicht Mitglied einer deutschnationalen Verbindung war. Dies verwundert nicht: „Arierparagraph“, Holocaustglorifizierung und Täter_innen-Opfer-Umkehr gehören in der 2. Republik ebenso zum burschenschaftlichen Repertoire wie „Heldenverehrung“ und Hetze gegen „rassefremde Ausländer“.
Politisch nehmen Burschenschaften in Österreich also eine Scharnierfunktion zwischen der parlamentarischen Rechten einerseits und dem Neonazismus andererseits ein. Hier zeigt sich ein Unterschied zur BRD: Während es in Deutschland durchaus auch liberale oder liberal-konservative Verbindungen gibt, befinden sich die „Ostmärker“ politisch in einem Spektrum von „national-freiheitlich“, völkisch-deutschnational bis offen rechtsextrem.
Österreichweit sind mit 21 Bünden vergleichsweise viele Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft (DB) organisiert. Innerhalb der DB sticht Wien als die Stadt mit den meisten Mitgliedsbünden hervor. Dass der akademische Deutschnationalismus in der Hauptstadt besonders ausgeprägt ist, zeigt sich deutlich am Wiener Korporations-Ring (WKR), dem lokalen Dachverband.

Der WKR und sein Ball
Der WKR deckt mit seinen mehr als zwanzig Mitgliedsbünden in etwa den akademisch-korporierten Deutschnationalismus in Wien ab. Seit den 1950er Jahren veranstaltet der Dachverband jährlich den WKR-Ball in der Wiener Hofburg, der alten Kaiserresidenz. Der Ball hat sich mit etwa 2.000 Besucher_innen nach eigener Angabe „zum größten couleurstudentischen Gesellschaftsereignis im deutschsprachigen Raum“ entwickelt.
In der Hofburg zeigt sich die schon erwähnte Scharnierfunktion der Burschenschaften einmal mehr: Es treffen dort hohe Funktionsträger_innen von FPÖ und BZÖ auf Vertreter_innen etlicher rechter und rechtsextremer Parteien aus ganz Europa. Als da waren in der Vergangenheit: pro Köln, pro NRW, DVU (Deutschland), Dänische Volkspartei, Schweizer Volkspartei, Front National (Frankreich), Vlaams Belang (Belgien) und Ataka (Bulgarien). Der WKR-Ball ist somit ein Event von europaweiter politischer Relevanz.
Aus diesem Grund regt sich 2011 zum vierten Mal in Folge antifaschistischer Widerstand gegen den Ball in der Hofburg.

Doch es geht um mehr…
So notwendig eine antifaschistische Intervention gegen den WKR-Ball ist, die Kritik darf nicht bei der „Spitze des Eisbergs“ aufhören – also bei der Tatsache, dass sich Europas rechte Elite in der Hofburg trifft. Es geht um mehr:
Natürlich sind Burschenschaften für ihr Männerbundprinzip und ihre überhöhte heterosexistische Männlichkeit zu kritisieren. Dabei muss aber klar sein, dass die benannten Phänomene nur eine besondere Zuspitzung eines herrschenden Geschlechterverhältnisses sind, das alltäglich sexistischen, homophoben und transphoben Ausschluss produziert, sowie einen patriarchalen Dominanzanspruch legitimiert. Hier also muss die Kritik ansetzen.
Und natürlich ist der rechtsextreme Charakter des WKR-Balls anzugreifen. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass Rechtsextremismus als Phänomen eine militante Steigerungsform bürgerlich-kapitalistischer Werte und Ideologien darstellt. Alles worauf sich die extreme Rechte beruft – Volk, Nation, Sozialdarwinismus, Militarismus, Kernfamilie etc. – ist in der bürgerlichen Gesellschaft angelegt. Wer also den Rechtsextremismus bei der „Wurzel“ packen will, muss die bürgerlichen Kategorien, die als Kehrseite Antisemitismus und Rassismus hervorbringen, ins Visier der Kritik nehmen.
Dabei muss die antinationale Kritik zum WKR-Ball auf zweierlei abzielen: Zum einen auf den Deutschnationalismus der Burschis und ihren damit verbundenen positiven Bezug zum historischen Nationalsozialismus und Vernichtungsantisemitismus. Zum anderen auf Österreich als aktuelle nationale Identifikation und realen Sachwalter des alltäglichen Ausschlusses und Elends. Denn nur wenn sich in der formulierten Kritik sowohl der historische Nationalsozialismus als auch der bürgerlich-kapitalistische Normalbetrieb in all seiner alltäglichen Jenseitigkeit wiederfinden, können wir uns Hoffnung darauf machen, uns der Emanzipation und einem menschenwürdigen Dasein inhaltlich ein Stück zu nähern.

Wir möchten noch kurz auf unser neues Thesenpapier hinweisen, welches wir Ende Januar veröffentlicht haben. Das Paper ist im Zuge der antinationalen Mobilisierung gegen den WKR-Ball 2011 entstanden und kann unter http://antifaw.blogsport.de/downloads/ heruntergeladen werden.

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