[21.01.12. // 15:30 Uhr // Uni Wien] Zur Kritik des Gedenkens – Podiumsdiskussion

gedenk va_front

Samstag, 21. Januar 2012 // 15:30 Uhr // Hauptgebäude Uni Wien, Hörsaal 33 (Dr. Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien)

mit:
T0P B3rlin - Theorie.Organisation.Praxis. Kommunistisches Projekt gegen alles Böse. (http://top-berlin.net/)
Dr.in Karin Liebhart (Politikwissenschaftlerin, Wien)
autonome antifa [w] (http://antifaw.blogsport.de/)

Zur Ideologiekritik des Gedenkens

Der alljährliche Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) in der Wiener Hofburg, dem Amtssitz des österreichischen Bundespräsidenten, erscheint oberflächlich betrachtet als zeremoniell erstarrte, aus der Zeit gefallene Schrulle – als bizarres Stelldichein ‚Ewiggestriger‘. Doch gerade seine sorgsam inszenierte Traditionskruste macht ihn hier und heute so attraktiv und gefährlich. Im Glanz historischer Pracht und Größe finden Neonazis, Burschenschafter, etablierte Eliten und Rechtspopulist*innen mühelos zusammen. Was sie lockt und befriedigt ist die rituelle Aufführung einer historisch verbürgten Gemeinschaft: der Nation. Nationales Privileg, Einschluss und Ausschluss erscheinen im historischen Gewand als vorpolitische Rechte, an denen schlechterdings nicht zu rütteln ist. Und genau dieses nationale Versprechen verbindet Burschis und Nazis mit ihren bürgerlichen KritikerInnen.


Ein identitärer Bezug auf die deutsche Nation war jahrzehntelang durch die Verbrechen der nationalsozialistischen Gesellschaft belastet. In der BRD wurde deshalb ausdauernd verdrängt und relativiert, die DDR schob die Schuld auf verschlagene Eliten und Österreich erteilte sich selbst einen Persilschein als „erstes Opfer“ des NS. Die Forderung der 1968er nach Aufarbeitung der Vergangenheit blieb als Teil eines sozialrevolutionären Projekts ungenießbar für die Mehrheitsgesellschaft. Salonfähig wurde ‚selbstkritisches Gedenken‘ erst innerhalb eines explizit nationalen Emanzipa-tionsprogramms: der Befreiung von der Last einer „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ (Nolte). Bundespräsident Weizsäcker selbst verbürgte sich 1985 mit einer jüdischen Spruchweisheit gegenüber dem deutschen Volk: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Unter vielfältigen Konflikten fand dieser Anspruch auf Erlösung nach 1989/90 monumentalen Ausdruck. Das Berliner Holocaustmahnmal wurde auch Dank seiner deutungsoffenen Gestaltung zu einem „Ort, an den man gerne geht“, wie Kanzler Schröder gefordert hatte. (In Österreich: ähnliche geschichtspolitische Dynamik über die Mahnmale Hrdlickas und Whitereads.) Kaum in Beton gegossen, offenbarte sich seine ideologische Funktionalität. Weit entfernt die gesellschaftlichen Ursachen alltäglicher und exzessiver Menschenfeindlichkeit zu reflektieren, werden Mahnmal und öffentliches Gedenken als Ausweis moralischer Größe und Reinheit genossen. Der „Zivilisationsbruch“ (Diner/Thierse) des NS muss nicht länger abgespalten werden. Er ist als anerkannte und symbolisch aufgearbeitete Schuld Teil einer restaurierten nationalen Geschichte und eines erbaulichen Identitätsversprechens. Und darum ist es die ganze Zeit gegangen.

Ist der forsche Nationalismus und Rassismus der Burschis deshalb veraltet? Mitnichten. Wo das bürgerliche Gedenken die Ideale des staatlichen Gemeinwesens besingt, bestätigt der Chauvinismus der Deutschnationalen dessen dreckige Realität: Konkurrenz, Ausschluss, ideologische Gemeinschaft und flache Befriedigung. Aufarbeitung der Vergangenheit erfordert die praktische Kritik beider.

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